Heute schauen wir uns die Ruinenbars in Budapest an – eine eigenwillige Sehenswürdigkeit der Stadt. Solche Lokale tauchen inzwischen nach und nach auch in anderen Städten auf, doch Budapest ist das Herz dieser Richtung in der Gastronomie. In diesem Artikel erzähle ich, wie die Bars entstanden sind, welche Gepflogenheiten hier gelten – und natürlich, welche Preise dich erwarten.
1. Kurzinfo
Die Ruinenbars in Budapest gibt es erst relativ kurz, etwa seit Anfang der 2000er. Nach dem Zweiten Weltkrieg leerte sich das jüdische Viertel von Budapest aus verständlichen Gründen erheblich. Viele der überlebenden Juden zogen bald in den neu gegründeten Staat Israel, und in diesem Viertel blieben kaum noch Bewohner.
Die Gebäude verfielen nach und nach. Die Behörden spielten mit dem Gedanken, die Häuser abzureißen, doch wie immer zog sich der bürokratische Papierkram in die Länge, und dazu kam es einfach nie. Das Viertel wirkte ziemlich unheimlich und unsicher, aber niemand wollte etwas dagegen unternehmen.
Unternehmungslustige junge Leute nahmen die Sache schließlich selbst in die Hand und besetzten eines der leer stehenden Häuser.
Dort fingen sie an, Bier für sich und ihre Freunde auszuschenken. Das Geschäft lief gut, und man beschloss, ein größeres Gebäude zu übernehmen. Dorthin schafften sie alte Möbel, eine Autokarosserie und jede Menge anderen Kram, der zum Stil des Lokals passte.
Die erste Bar dieser Art in Budapest bekam den Namen Szimpla – übersetzt heißt das „einfach“. Hier ist wirklich alles einfach – kein Dresscode und keine Regeln.
Der Anfang der Straße mit den Ruinenkneipen:

Später entstanden immer mehr solcher Bars. Doch sie liegen größtenteils nach wie vor im selben alten jüdischen Viertel von Budapest. Interessant ist: Über den Lokalen gibt es meist keine Schilder (oder sie sind kaum zu erkennen). Die Gäste kommen ausschließlich auf persönliche Empfehlung – oder weil sie die Menschenmenge am Eingang sehen.
In solchen Lokalen bleibt man nicht lange sitzen, höchstens eine Stunde pro Bar. Deshalb empfiehlt es sich, an einem Tag gleich mehrere dieser Orte zu besuchen.
2. Praktische Informationen
2.1. Lage
Die Bars liegen im alten jüdischen Viertel von Budapest, das Erzsébetváros heißt – das ist der VII. Bezirk der Stadt. Die bekannteste Bar, das Szimpla, befindet sich unter der Adresse Budapest, Kazinczy u. 14, 1075.
Das Schild mit der Adresse:

Auf der Karte liegt es hier:
2.2. Anfahrt
Da das Viertel alt ist, kannst du nicht direkt bis zur Bar vorfahren. Am nächsten am Viertel liegt die U-Bahn-Station Astoria – nimm die Linie M2.
Für die Rückfahrt wirf lieber einen Blick auf die Uhr: Seit dem 1. Juni 2025 fahren die U-Bahn-Linien M2–M4 von Sonntag bis Donnerstag etwa bis Mitternacht und freitags und samstags etwa bis 1:00 Uhr; danach springen die Straßenbahnlinie 6 und Nachtbusse ein. Falls deine Reise auf Ende Dezember fällt, beachte: Nach dem offiziellen BKK-Kalender für 2026 endet der Tagverkehr am 24. Dezember etwa um 16:00. Den genauen Fahrplan für die Weihnachts- und Neujahrstage hatte die BKK Mitte Oktober 2026 noch nicht veröffentlicht – 2025 erschien er am 17. Dezember. Prüfe also eine Woche vor der Reise die Infos auf bkk.hu. Mehr dazu im Artikel über den öffentlichen Nahverkehr in Budapest.
Du kannst auch von der Synagoge aus zu Fuß gehen – frag die Einheimischen nach dem Weg, sie helfen dir weiter. Im Grunde musst du einfach der Kazinczy-Straße weiter folgen.
2.3. Öffnungszeiten
Die Öffnungszeiten hat jede Bar für sich, und die meisten leben am Abend und in der Nacht. Nach den offiziellen Websites, Stand Mitte Oktober 2026, ist der Komplex Instant-Fogas täglich von 18:00 bis 6:00 geöffnet und das Doboz von Mittwoch bis Samstag von 18:00 bis 6:00. Die Zeiten des Szimpla haben wir auf dessen Website nicht gefunden – prüfe deshalb vor dem Besuch den Eintrag der Bar auf den Karten. Und noch zu den Feiertagen: Die Zeiten für den 24.–26. Dezember sowie für den 31. Dezember bis 1. Januar waren auf den Websites der Bars Mitte Oktober 2026 noch nicht veröffentlicht. Gleiche in der Feiertagswoche die Zeiten ein paar Tage vor dem Besuch auf der Website oder der Seite des Lokals ab.
2.4. Preise in den Bars
Die Preise unterscheiden sich von Bar zu Bar. Zur Orientierung – die Karte des Szimpla, die im September 2026 auf der Website stand:
- Fassbier Soproni – 1.900 Forint für 0,3 l und 2.200 Forint für 0,5 l;
- Burger – 5.800 Forint, Kartoffeln mit Soße dazu – weitere 2.000 Forint;
- 40 ml Pálinka – 2.500–3.000 Forint (die Karten an den verschiedenen Theken weichen voneinander ab).
Zum Vergleich: Als wir 2019 dort waren, kostete ein Teller Gulasch 2.500 Forint, ein Cheeseburger 2.000 und 40 ml Wodka oder Likör wie Unicum 1.000 Forint.
3. Fotorundgang durch die Ruinenbars
3.1. Die Bar Szimpla
Die wichtigste und am interessantesten gestaltete Bar ist natürlich das Szimpla. Dorthin sind wir gegangen.
Der Eingang zur Bar. Wenn du es nicht weißt, fällt er dir gar nicht auf:

Die Gäste des Lokals werden gebeten, sich etwas leiser zu verhalten:

Wir gehen hinein – wer hätte gedacht, dass das ein anständiges Lokal ist?

Eine der Besonderheiten solcher Lokale: Von der Decke muss unbedingt etwas hängen – je mehr, desto besser:

Hier liegt jede Menge Kram, sogar ein Prägeautomat für Souvenirmünzen hat einen Platz gefunden:

Kurioses Nebeneinander: das Wappen des sozialistischen Ungarn neben Entenküken mit Enten:

Tische an der Bar:

Wegweiser zur Toilette:

Zufriedene Besucher:

Das Hauptpublikum ist jung:

Obwohl es aussieht, als herrsche hier völliges Chaos ohne jedes System – das System gibt es tatsächlich. Alle Dinge sind mehr oder weniger thematisch gesammelt und bilden eigene Ecken. Diese hier ist eindeutig dem Gärtnern gewidmet:

Und hier hat man beschlossen, Stühle an die Decke zu hängen:

Der Tresen:

2019 war der Eintritt frei, und man durfte fotografieren, so viel man wollte:

Am Anfang kann dich natürlich ein Kulturschock treffen – aber nach und nach gewöhnst du dich:

Der Tresen geht weiter:

Ein eigenwilliger Lageplan des Lokals:

Hier treten oft kleine Musikgruppen auf:

Wir verlassen die Bar:

3.2. Weitere Bars
Ohne genaue Ortskenntnis lässt sich eine Bar nicht erkennen:

Die Bar Cuadro Puerta (so hieß sie 2019; ob sie heute noch arbeitet, konnten wir nicht bestätigen):

2019 konnte man außerdem noch diese Ruinenbars nennen. Wir haben sie im September 2026 geprüft: Drei haben geschlossen, eine ist ans andere Ende der Stadt umgezogen:
- Kertem – Gartenbar im Stil des sozialistischen Ungarn, in der man sich wie in einer Imbissstube jener Zeit fühlen konnte. 2020 musste sie aus dem Stadtpark weichen, 2021 zog sie nach Kőbánya (X. Bezirk) um, und seit 2026 arbeitet sie als Gartenlokal Babel Kertem – das liegt schon weit entfernt vom jüdischen Viertel.
- Corvintető – Bar auf dem Dach des Kaufhauses Corvin mit Aussichtsplattform. Seit Juli 2018 geschlossen; in dem Kaufhausgebäude soll laut Plänen ein Hotel eröffnen.
- Meter – 2019 erzählte man über diese Bar, dass Alkohol hier nicht in Zentilitern, sondern in Metern verkauft werde. Belege dafür, dass sie heute noch arbeitet, haben wir nicht gefunden.
- Instant – fast ein vollwertiger Nachtclub mit mehreren Bars und Höfen. Heute arbeitet er als großer Komplex Instant-Fogas in der Akácfa 49–51: täglich von 18:00 bis 6:00, Eintritt frei.
- Doboz – noch eine Variante eines Nachtclubs, in der Klauzál 10. Ist geöffnet, drinnen zwei Tanzflächen.
- Ellátó Kert – hier gab es ein ziemlich originelles Konzept, man konnte alles finden, vom Billardtisch bis zum Marienbild. Der Alkohol war ziemlich günstig, deshalb feierten hier oft Junggesellenabschiede. Dieser Garten in der Kazinczy 48 schloss am 24. November 2019, sein Team machte nebenan in der Bar Ellátó weiter, in der Kazinczy 52/B.
- Anker’t – Bar mit veganem Essen in der Paulay-Ede-Straße, bekannt für schwulenfreundliche Partys am Freitag. Schloss am 1. Februar 2020.
4. Fazit
Der Ort ist ziemlich interessant – wegen seines Kolorits und des Geists einer eigenartigen Freiheit. Mit Kindern hat man hier definitiv nichts verloren, für sie gibt es hier wohl kaum etwas Lehrreiches. All diese Bars erinnern stark an die Keller der uns vertrauten Plattenbauten aus den 80ern und frühen 90ern, in denen sich die Nonkonformisten trafen.
Als Restaurant würde ich solche Orte meiner Meinung nach nicht einplanen, und in der Dunkelheit ist es hier auch nicht besonders gemütlich. Für den normalen Touristen ist der Ort etwas für ein einziges Mal – dem lokalen Kolorit wegen. Der Ort ist wirklich einzigartig, so etwas findet man nur in Budapest.
Warst du schon einmal in Ruinenkneipen? Schreib uns deine Erfahrungen mit solchen Lokalen – wie findest du diesen Ansatz in der Gastronomie? Wärst du überrascht, in einer Bar alte Möbel und allerlei Kram zu sehen?
Es wartet noch viel Interessantes auf dich – bleib dran! Teile den Artikel gern in den sozialen Netzwerken, auch deine Freunde können unsere Tipps gebrauchen. Viel Erfolg!



